Energie-Bürger_innen

Bürgerenergie heißt mitmachen, sich beteiligen, gestalten, eingreifen. Bürgerenergie bedeutet Gemeinschaft, Selbstwirksamkeit, Zielstrebigkeit, Innovation. Und natürlich steht Bürgerenergie für eine dezentrale Energieversorgung von und für Menschen, für übergreifende Entwicklung und Fortschritt und Antworten auf Fragen unserer künftigen Energieversorgung.

Menschen in ganz Deutschland engagieren sich für die Bürgerenergie, aus Studenten werden Energieversorger, Klimaschutzmanager sorgen für die Energiewende vor Ort, eine Mathematikerin baut gemeinsam mit anderen Solaranlagen auf Dächer. Diese Menschen gestalten die Energiewende und prägen unsere Welt.

Dr. Matthias Mattiza

„Wir sollten viel mehr auf das Regionale schauen“


Matthias Mattiza hat eine Vision von der Energiegenossenschaft Leipzig EGL eG. Sie soll eine Marke werden, die sich als ökologischer Stromproduzent etabliert hat. Eine Genossenschaft, die Anlagen betreibt, den eigenen Strom an seine Mitglieder und in die Region liefert und sich in den verschiedensten Feldern betätigt. Strom, Wärme, Energieversorgung und Bildung.
Dr. Matthias Mattiza ist Physiker und hat in der Solarzellenforschung promoviert. Beruflich ist der 33jährige bis März 2016 am Helmholtz-Zentrum Berlin tätig, Materialforschung Photovoltaik. „Ich habe immer überlegt, was ich mit meinem Physikstudium anfange“, sagt er. „Eigentlich hatte ich vor, Theorie zu machen. Dann gab es die Perspektive bei einer Bank oder einem Versicherer zu arbeiten und Risikoanalysen zu machen.“ Doch er wollte keinen Job als IT-Mensch am Rechner, sondern etwas für ihn Sinnvolles tun. Er wandte sich der Experimentalphysik und der Photovoltaik zu. „Das entspricht mir, da möchte ich meine Zeit investieren.“
Auf einer Konferenz in Erfurt wurde er „angefixt vom Genossenschaftsgedanken“. Er absolvierte die Weiterbildung zum Projektentwickler für Energiegenossenschaften und startete mit zehn anderen in Leipzig eine Gründungsinitiative. Heute ist er Vorstand der Energiegenossenschaft Leipzig EGL eG. „Wir sollten viel mehr auf das Regionale schauen und den Spaten da ansetzen und da buddeln, wo wir sind; und das ohne den Blick für das große Ganze zu verlieren.“
„In den Städten liegt das größte Potential für Photovoltaik“, meint Matthias Mattiza. PV habe viele Vorteile. Man pflanze die Solarzellen auf das Dach und schon kommt Strom raus. Leise, ohne große Wartungsarbeiten, ohne bewegliche Teile.
Eine PV-Anlage auf dem Hupfeld-Center in Leipzig ist auch das erste Projekt der Energiegenossenschaft Leipzig. Im Frühjahr 2015 ging sie ans Netz, zu 100% durch die Mitglieder der Genossenschaft finanziert. Im Gebäude nutzen mehrere Unternehmen den Strom.
Schwierig gestaltete sich die Suche nach Dächern für das erste Projekt. „Das ist noch so ein Mentalitätsding bei uns in Ostdeutschland “, meint Matthias Mattiza. „Die Menschen haben viele Vorbehalte gegenüber anderen, vor allem, wenn es um das Wirtschaftliche geht. Jemandem das eigene Dach zu überlassen, mit Pacht und Stromverkauf, das ist kompliziert.“ Die jüngere Generation sei da aufgeschlossener. Die Energiegenossenschaft habe eine ganze Menge Zuspruch aus der jüngeren und mittleren Generation. „Sie finden das Konzept gut, Energie zurück in die Hände der Menschen zu legen.“
„Ich bin schon der Antreiber“, sagt Matthias Mattiza über sich. „Antreiber und Netzwerker“. Zurzeit ist er mit den Themen Haussanierung und Quartiersentwicklung unterwegs. Im Leipziger Westen sei die nachhaltige Quartiersentwicklung in der Stadt ein großes Thema. Eine Genossenschaft habe ein großes Grundstück mit einem Riesenbedarf für energieeffiziente Sanierung. „Ich hätte Lust, mit der Energiegenossenschaft Strom- und Wärmecontracting anzubieten, mit BHKWs und PV auf den Dächern." Doch für so ein Projekt brauche man viel Zeit und Muße und müsse sich Know-how von draußen in die Genossenschaft mit hereinholen.
2016 will Matthias Mattiza in Leipzig das Thema Energie und Bildung angehen. „Ich habe ein leichtes Sendungsbewusstsein“, sagt er schnoddrig und lacht. Den Menschen will er zeigen, warum Erneuerbare Energien so gut sind, auch wenn das Thema Energie schwer zu vermitteln sei, weil es so abstrakt ist. „Einen Richtungswechsel im Energiemarkt kann es nur geben, wenn Erneuerbare Energien wettbewerbsfähig werden.“ Das sind Sie mittlerweile. Und sie sind ökologisch sinnvoll und ermöglichen Teilhabe, fügt Matthias Mattiza hinzu. Mehr noch. „Energie kann ein Friedensstifter sein, wenn Regionen selbst ihre Energieversorgung in die Hand nehmen – und nicht etwa von den Interessen der Ölkonzerne abhängig sind.“

Profil

Dr. Matthias Mattiza
Physiker
Dr. rer. nat.
Vorstandsvorsitzender der Energiegenossenschaft Leipzig EGL eG

KONTAKT

www.energiegenossenschaft-leipzig.de

Luise Neumann-Cosel

„Echte Energiewende gibt es nicht, wenn wir auf die traditionellen Energieversorger warten, sondern nur, wenn wir sie selbst voranbringen“, sagt Luise Neumann-Cosel. „Dafür brauchen wir Erfahrungsaustausch, Vernetzung und eine starke Stimme für die Bürgerenergie“, meint die „Stromrebellin 2013“ und Vorstandsfrau der der BürgerEnergie Berlin eG.
Ihren Beitrag im Rat des BBEn sieht sie darin, ihr Wissen über Energienetze, Konzessionsvergaben und deren Bedeutung für die Energiewende zu verbreiten. „Ich möchte Menschen ermutigen, ihre Netze in die eigenen Hände nehmen.“

Profil

Luise Neumann-Cosel
Berlin
Geoökologin
Vorstand BürgerEnergie Berlin eG
Rat für Bürgerenergie

KONTAKT
www.buerger-energie-berlin.de

Georg Vöhringer
  • Georg Vöhringer

"Die Stärke der bürgerenergie liegt in der Schnelligkeit"

Wird die Energiewende dezentral umgesetzt, kommen wir schneller ans Ziel, meint Georg Vöhringer aus Großostheim in Bayern. Für den stellvertretenden Vorsitzende der BürgerEnergie Bachgau eG bedeutet Bürgerenergie auch Verantwortung für die eigene Umwelt, die regionale Wirtschaft und künftige Generationen zu übernehmen.

Profil

Georg Vöhringer
Großostheim, Bayern

Horst Leithoff
  • Horst Leithoff
  • Horst Leithoff
  • Horst Leithoff

„Das hat in mein Lebenskonzept gepasst“

„Wie die Jungfrau zum Kind bin ich zum Wind gekommen, sagt Horst Leithoff. Im Jahr 2002 standen eines Tages zwei Männer vor der Tür seines Bauernhofs in Dänemark in der Nähe von Tönder. „Herr Leithoff, wir wollen Sie mal stören“, sagten Reinhard Christensen  und Peter Steffen. Die beiden suchten jemand, der sich an einem grenzüberschreitenden deutsch-dänischen Bürgerwindpark beteiligt. „Ich bin Biobauer, das regionale und ressourcensparende Wirtschaften ist mir ein  Anliegen. Dabei mitzumachen passte in mein Lebenskonzept.“

An der Westküste Nordfrieslands waren die Bürger um die Jahrtausendwende aktiv. In Ellhöft war wenige Jahre zuvor ein Bürgerwindpark in Betrieb gegangen, die Bürger wollten weitere Windräder aufstellen. Im Nachbarort Westre  gründeten 99 Bürger eine Windkraftgesellschaft. Das Problem: Dort und in Ellhöft waren durch die Regionalplanung keine Mühlenstandorte vorgesehen. Nach langen Verhandlungen mit Land und Kreis bot sich eine Chance zur Genehmigung. Die Anlagen mussten ein Alleinstellungsmerkmal aufwiesen. So entstand die Idee eines grenzüberschreitenden Energieprojektes.

Horst Leithoff gewann 31 seiner Landsleute und insgesamt 220 Gesellschafter brachten mit 20 Prozent Eigenkapital das Grenzregionalkonzept BENTUSS für Westre, Ellhöft, Sæd/Lydersholm auf den Weg. 2007 bzw. 2009 gingen die sieben Windräder zwischen 2,3 und 6,1 MW ans Netz. Der Windpark produziert so viel Strom, wie 18.750 Haushalte im Jahr verbrauchen.

B.E.N.N.T.U.S steht für Bürger, Energie, Tourismus, Umwelt, Schule und Sozial. Die Region wirtschaftlich stärken ist ein Kernpunkt. „Hier im Norden leben wir in einer Region ohne Rohstoffe, ohne Industrie, ohne gute Infrastruktur“, meint Horst Leithoff. Für die Landwirte sei es schwer geworden, gutes Geld zu verdienen. Die Wirtschaftlichkeit liegt bei anderthalb bis zwei Prozent des eingesetzten Kapitals. „Spätestens mit dem EEG sind Sonne und Wind als Rohstoff aufgetaucht.“

Bürgerenergie biete den Menschen die Chance, sich an der Wertschöpfung zu beteiligen. „Wenn viele Menschen etwas mehr verdienen, geben sie das Geld hier in der Region aus. Wenn wenige viel verdienen, kaufen sie sich vielleicht eine Yacht und ein Ferienhaus am Mittelmeer.“ Horst Leithoff gehört zu den vielen. „Ich möchte mit den Menschen hier leben und mich zusammen mit ihnen engagieren. Möchte wieder Einfluss nehmen können, ob wir im Dorf einen Kindergarten bekommen oder einen Fahrradweg bauen können.“

Horst Leithoff, in Freiburg geboren, bekam als junger Mensch Lust aufs Abenteuer. Er wurde Schiffsbetriebstechniker, fuhr kurz zur See und lernte dann seine Frau kennen, eine Dänin. Er zog in ihre Heimat auf den Bauernhof der Familie und wurde Biobauer.

Heute ist er Windmüller, wie man hier oben sagt, und erntet Wind für die Energiewende. Mit Reinhard Christensen  und Peter Steffen ist er als Geschäftsführer für Planung und Betrieb von drei Bürgerwindparks verantwortlich: Süderlügum, Brebek und Grenzstrom Vindtved in Ellhöft. „GmbH & Co KG mit Herz“ nennt er die Gesellschaften. „Wir haben einen hohen Anspruch an die gemeinsame Verantwortung miteinander und wollten eine transparente Gesellschaftsform.“ An der GmbH & Co KG schätzt er die Gestaltungsfreiheit.

Bürgerbeteiligung  heißt für ihn mitgestalten und mitentscheiden. „Ziel ist, die Freiheit des Bürgers zu stärken, dass er sich eigenverantwortlich mit Anderen zusammenschließen und Energieprojekte nach eigenen Vorstellungen umsetzen kann.“
Horst Leithoff ist ein Netzwerker. Seit Anfang 2014 ist er Vorsitzender des neuen
Bürgerwindparkbeirats des Bundesverbands WindEnergie (BWE), seit Herbst ist er einer der  Räte für Bürgerenergie. „Die Vernetzung der Kräfte ist wichtig“, sagt er. Als Einzelner erreiche man nichts. „Wenn wir uns verbinden, dann sind wir stark und können Einfluss nehmen.“

Einfluss zum Beispiel auf den Strommarkt. „Wir brauchen als allererstes faire, durchsichtige Strompreise.“ Das heißt konkret: im Strompreis aller Erzeuger müssen sich alle Kosten vom Aufbau bis zur Entsorgung, vom Rohstoff bis zur Energiebilanz und den Umweltkosten wiederfinden. „Und wir brauchen zweitens eine freie Vermarktbarkeit des regionalen und/oder herkunftszertifizierten Stromes.“

Die geplanten Ausschreibungen hält er für ein Ärgernis. „Sie sind ein Vehikel, um die Bürgerenergie aus dem Markt zu drängen.“ Doch er zeigt sich selbstbewusst. „ Wer eine Baugenehmigung für ein Windrad kann, kann auch Ausschreibungen.  Aber billiger wird der Strom davon nicht.“

Gerade hat  der Vater von vier Töchtern zwischen 15 und 26 Jahren die 60 überschritten. Wie die Töchter ihn sehen? Leithoff lacht. „Als Vorkämpfer vielleicht.“

„Die Menschen müssen ihre Begeisterung behalten“, sagt Windmüller Leithoff, dann kann die Zukunftsvision Energiewende in Bürgerhand Wirklichkeit werden. „2045 haben wir es geschafft, der Welt zu zeigen, dass die Energiewende möglich ist und Deutschland wird ein Vorzeigeprojekt entwickelt haben.“

Profil

Horst Leithoff
Tønder, Dänemark
Biolandwirt

Kai Hock

„Ich kann selbst wirksam sein“


Der Umbau des Energiesystems und die gesellschaftliche Transformation sind zwei Seiten einer Medaille, sagt Kai Hock. Die Kernfrage dabei lautet: „Wie entwickeln wir eine Ökonomie, eine Gesellschaft, die im Einklang mit der Natur ist und mit den auf unserem Planeten verfügbaren Ressourcen nachhaltig umgeht?“

„Die politischen Themen sind immer wichtiger geworden“, meint Kai Hock. Hermann Scheer war dabei für ihn ein großes Vorbild. Angefangen hat es in der Schule mit Projekttagen zum Klimawandel und einer kleinen Gruppe, die eine Solaranlage auf dem Schuldach gebaut hat. Später studiert er molekulare Biotechnologie und macht Grundlagenforschung zu Nanoelektronik und Halbleitern. „Super spannend, intellektuell herausfordernd“, doch es fehlt etwas. „Irgendwann ist mir etwas Wichtiges aufgegangen. Wir haben auf dieser Welt kein Erkenntnisproblem, wir haben Umsetzungs- und Verteilungsprobleme.“

Lebensthema: dezentrale Energiewende

Kai Hock, Jahrgang 1982, trifft auf gleichgesinnte Studenten, mit denen er die Heidelberger Energiegenossenschaft gründet und findet sein Lebensthema, die dezentrale Energiewende. Sich mit allen Fähigkeiten einzubringen. Sich rasch fundiertes Wissen erarbeiten. Den Mut entwickeln rauszugehen und andere von der eigenen Idee zu überzeugen. „Das hat mir richtig Schwung gegeben und hat eine tiefe Bedeutung für mich.“ In der Heidelberger Energiegenossenschaft kann er sich neu ausprobieren und stellt fest: „Ich kann selbst wirksam sein - und meine Leistung wird wertgeschätzt.“

Etwa seine Stärke, „die Puzzlesteine zusammenzusetzen“. Rechtliche, organisatorische, energiewirtschaftliche Regeln, die Technik und ein ökonomisches Modell, das trägt. „Diese Fäden zu verknüpfen, dass es ein hübscher Teppich mit Sinn und Muster wird. Das ist die schönste Aufgabe.“

In den letzten Jahren ist Kai Hock den großen Themen auf den Grund gegangen: Das Energiesystem, Geld- und Wirtschaftskreisläufe, gesellschaftliche Transformationen. Im Gespräch wägt er seine Worte ab, macht analytische Schleifen, und sagt dann Sätze wie: „Die Beschäftigung mit Energie ist der Schlüsselfaktor. Die allermeisten Konflikte sind darauf zurückzuführen, dass wir durch die Nutzung der falschen Energien unsere Ressourcen einschränken und eine ungerechte soziale Verteilung haben, weil wir nicht die richtigen Energien nutzen.“ Und liefert als Beweis eine Studie. „Von den zwölf umsatzstärksten multinationalen Unternehmen auf der Welt waren 2014 neun im alten Energiebereich tätig, also Öl, Gas, Atom.“

Es geht um sehr viel mehr als Energie

Die Energiewende ist für ihn auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Es gehe darum Eigentumsverhältnisse zu ändern. Die Wertschöpfung in den Regionen zu lassen, wo die Menschen sind und ihr Leben organisieren, anstatt sie in weltweit agierende Fonds abfließen zu lassen. Als Alternative sieht er das solidarische Wirtschaften. Fairer miteinander umgehen, transparente Handelsketten, faire Preise für Erzeuger und Verbraucher. Genossenschaften seien prädestiniert dafür, genau das umzusetzen. Doch der größte Teil der derzeit 1000 Energiegenossenschaften hierzulande ist ehrenamtlich organisiert. „Um die dezentrale Energiewende durchzusetzen, braucht es leistungsfähige Organisationen, die im komplexer werdenden Markt der Energieversorgung als Antreiber für die Energiewende fungieren – und sich ihr Kuchenstück rausschneiden. Ein möglichst großes Stück vom Kuchen.“

Deshalb müsse die Bürgerenergie sich neue Geschäftsfelder erschließen, sich wirtschaftlich weiterentwickeln, „damit wir Menschen anstellen können, die ihren Lebensunterhalt und ihren Wohlstand mit dem Vorantreiben der Energiewende verdienen.“ Dann dreht sich das Blatt gesellschaftlich und auch das politische Machtgefüge gerät ins Wanken.

Herzensprojekt Bürgerwerke

„Ein kleines, feines Mosaiksteinchen“ ist für Kai Hock dabei der Verbund der Bürgerwerke. Ein Baustein des Fundaments einer Energiezukunft, die im Kern von Bürgerinnen und Bürgern getragen wird. Natürlich dezentral und 100 Prozent erneuerbar. Die Dachgenossenschaft Bürgerwerke eG hat Kai Hock mit auf den Weg gebracht, dort ist er seit 2014 als Vorstand aktiv. „Die Bürgerwerke sind mein absolutes Herzensprojekt.“ Und „eine große Idee mit Zukunft“, meint er selbstbewusst. Wie sieht diese Zukunft in zehn Jahren aus? „Ein innovatives, agiles und hochleistungsfähiges Unternehmen“, lacht er. Das deutschlandweit größte solidarisch arbeitende Netzwerk in der Bürgerenergie. Ein Unternehmen, das die komplette Klaviatur der Energiewirtschaft beherrsche, die Prosumer-Entwicklung voranbringe ...

Und die eigene Perspektive? Beim Blick in die Glaskugel zeigt er sich unsicher. Vielleicht gibt es ja ganz neue Aufgaben. Die europäische Komponente etwa. „Wie können wir das, was wir in Deutschland gelernt haben, woanders nutzbar machen?“

Bei einem ist er sich sicher: Er wird aktiver Teil der gesellschaftlichen Transformation sein. Die dezentrale Energiewende werde auf andere Bereiche der Gesellschaft ausstrahlen und sei eine Herausforderung an die politische Kommunikation. Sie durchzusetzen werde ein gesellschaftspolitischer Kampf. „Wir haben alle guten Argumente auf unserer Seite. Die dezentrale Energiewende ist auch die volkswirtschaftlich sinnvolle Lösung für ein Energiesystem. Und wir werden uns auf lange Sicht durchsetzen, doch es wird uns nichts geschenkt.“

Profil

Kai Hock
Heidelberg
Molekular-Biotechnologe
Vorstand der Bürgerwerke eG
Rat für Bürgerenergie

KONTAKT
www.buergerwerke.de

Hans Gröbmayr
  • Hans Gröbmayr
  • Hans Gröbmayr

Man muss sich jeden kleinen Erfolg erarbeiten

Das Ziel ist ehrgeizig. Bis 2030 will sich der Landkreis Ebersberg östlich von München vollständig selbst mit regenerativen Energien versorgen. Hans Gröbmayr ist einer, der sich für das Ziel engagiert. Der über 60jährige ist seit 2011 Klimaschutzmanager des Landkreises Ebersberg. Zudem ist er Vorstand der Genossenschaft Regenerative Energie Ebersberg eG, kurz REGE eG. Das ist eine kommunal getragene Genossenschaft von 19 Gemeinden, dem Landkreis und mehreren Bürgerenergiegenossenschaften als Mitglieder. „Man muss die Bürger zu Beteiligten machen“, sagt Hans Gröbmayr. Deshalb gibt es im Kreis auch die „Bürgerenergie im Landkreis Ebersberg eG“ (BEG eG), in der alle Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Vereine mitmachen können. Die „REGE“ soll kommunale Projekte planen und umsetzen, die Bürgerenergiegenossenschaft alle anderen Projekte.

Zimmerer, Bautechniker, Lehrer, stellvertretender Schulleiter einer Fachschule für Bautechnik und nun Klimaschutzmanager. Sein beruflicher Schwerpunkt gingen immer mehr zu alternativen Energien und Energieeffizienz. „Wir haben einen unbewussten Umgang mit Energie. Wir kaufen Gas aus Russland, nutzen Atom, klimaschädigende Kohle.“ Privat lebt er mit seiner Lebensgefährtin in einem sehr energieeffizienten, sanierten Haus. Was er beruflich umsetzen wolle, müsse er auch selber zeigen.

Hans Gröbmayr ist im Kommunalen ein alter Hase, war 24 Jahre Gemeinderat in einer kleinen Ortschaft. Ob es um die Bauleitplanung ging oder um Verträge mit E.O.N. „Da hat die Energiewende keine Rolle gespielt.“ Auch heute werde noch zu wenig über Klimaschutz nachgedacht. Der stehe zurück hinter tagesaktuellen Themen wie fehlenden Kitas. „Da ist der ganze Ort im Aufruhr.“ Langfristige Themen fielen da hinten runter. „Der Klimawandel geht eben schleichend vor sich.“

„Wir stehen bei uns im Landkreis erst am Anfang“, sagt Hans Gröbmayr. Bei Strom sei Ebersberg mit 21 Prozent noch unter dem Bundesdurchschnitt, bei Wärme mit 15 Prozent darüber. „Wir sind Schwachwindgebiet, haben keinen großen Fluss, Biomasse ist ausgereizt. Auf der Haben-Seite gibt es seit 1. September 2014 die Energieagentur mit zwei Mitarbeitern. Die soll Motor für die lokale Umsetzung der Energiewende sein – und Bürger, Unternehmen und Kommunen unterstützen, wenn es um die Umstellung auf regenerative Energieerzeugung oder Energieeffizienz geht. Zudem gibt es einen Energienutzungsplan für alle Landkreisgemeinden. Der werde helfen, sinnvolle Projekte zu erkennen und diese umzusetzen.

Gute Beispiele seien gefragt wie die Photovoltaikanlage auf der Kläranlage in Glonn, die dort einen hohen Anteil des Energieverbrauchs abdeckt – und sich ökologisch wie ökonomisch rechnet. „Was wir machen müssen, ist das Thema Energieeffizienz.“ Im Eisstadion in Grafing wurde August die Beleuchtung auf LED umgestellt. Das werde den Stromverbrauch im Stadion um 60 bis 70 Prozent reduzieren. Auch die Kälteanlage des Eisstadions des EHC Klostersee soll in einem Genossenschaftsprojekt erneuert werden

„Man muss sich jeden kleinen Erfolg erarbeiten“, sagt der 62jährige. Der Landkreis mache, was er kann. Alle Liegenschaften sollen bis 2020 regenerativ versorgt werden. Gemeinden können das auch bei ihren Liegenschaften umsetzen. „Der größte Teil der Energiewende wird in den Gemeinden passieren“, ist Hans Gröbmayr überzeugt. „Alles, was Kommunen machen, hat eine große Vorbildfunktion für Bürgerinnen und Bürger, für Vereine, Unternehmen.“

Der Klimaschutzmanager weiß, dass es einen langen Atem braucht für die Energiewende. „Es war immer klar, dass das nicht einfach ist. Ein langfristiges Umdenken ist nötig.“ Und der beginnt bei der kommenden Generation. „Wir gehen in Kindergärten und Schulen.“ Wenn man das Thema projektorientiert angehe, sei es für Jugendliche interessant. Etwa wenn Schüler die Flächen für eine Photovoltaikanlage berechnen, die man belegen könnte, Kosten einholen, Wirtschaftspläne machen.

Hans Gröbmayr beschreibt sich selbst als ziel- und ergebnisorientiert. „Als gelernter Zimmerer bin ich gewohnt, am Abend die Ergebnisse von dem zu sehen, was ich am Tag gemacht habe.“ Zudem helfe ihm, dass er gerne und offen auf Menschen zugehen und sie gewinnen könne. Am schwierigsten sei der Anfang. „Wenn die Menschen sehen, dass es wirtschaftlich ist und ökologisch von Vorteil – dann gelingt die Energiewende auch bei uns im Landkreis."



Profil

Hans Gröbmayr

Regensburg, Bayern
Klimaschutzmanager

Murat Sahin
  • Murat Sahin

"Bürgerenergie ist mannigfaltig"

Die Stärke der Bürgerenergie liegt in ihrer Dezentralität, die wiederum den individuellen Zugang zur Energiewende unterstützt, sagt Murat Sahin. Das macht die Energieproduktion greifbar und teilhabbar. Bürgerenergie ist für den Unternehmer Energie, die in der Gemeinschaft erzeugt wird - jeder nach seinen Möglichkeiten. 

Profil

Murat Sahin
Neu-Ulm, Bayern

Stefanie Usbeck
  • Stefanie Usbeck
  • Stefanie Usbeck

Global denken und lokal handeln

Sie ist Pionierin aus den Anfangszeiten der Windenergie und „Windfängerin“ der ersten Stunde. 1992 hat Stefanie Usbeck mit anderen Frauen in Hamburg die FrauenEnergieGemeinschaft Windfang eG gegründet und ist heute im dreiköpfigen Vorstand. Windfang ist bundesweit die einzige Energiegenossenschaft ausschließlich von und für Frauen. Die Genossinnen planen, finanzieren und betreiben Windkraftanlagen und verkaufen den Strom direkt an einen Stadtwerke-Verbund.

Stefanie Usbeck studierte in Lübeck Elektro-/ Energietechnik, als 1986 der Atomreaktor in Tschernobyl explodierte. Der Super-GAU prägte ihren weiteren Weg. Sie entschied sich beruflich für Energietechnik und Erneuerbare Energien, absolvierte 1991 ein Masterstudium Renewables Energies an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg, war danach drei Jahre stellvertretende Abteilungsleiterin im Solarinstitut Jülich. Heute lebt sie mit Freund und Sohn in Oldenburg und ist beruflich seit 15 Jahren selbständig im Bereich Planung, Projektierung, Bau, Betrieb und Geschäftsführung von Bürgerwindparks tätig.

"Eine Chance für Frauen, der Atomlobby eine lebensfreundliche Alternative entgegenzusetzen“, heißt es im Selbstverständnis der FrauenEnergieGemeinschaft Windfang. „Ende der 1980er Jahre waren Frauen durch die Tschernobyl-Katastrophe das erste Mal direkt mit dem Thema Energie konfrontiert“, sagt Stefanie Usbeck. „Sie haben die Auswirkungen direkt gespürt, hatten aber keinen Einfluss.“

Windfang wollte dem etwas Positives gegenstellen: „Windkraftanlagen zu bauen zielt direkt auf das Problem.“ Ihre erste Anlage in Hemme an der Nordseeküste in Dithmarschen tauften die Windfang-Frauen auf den Namen OYA, eine nigerianische Göttin – die Herrin der Stürme, Gebieterin und Schützerin der Frauen. OYA, eine 450 kW AN Bonus, ging 1995 ans Netz. Mittlerweile betreiben die Windfängerinnen elf Windräder und eine PV-Anlage auf dem Dach des Bonner Frauenmuseums.

„Wir haben uns für einen Genossinnenschaft entschieden, weil wir den von Männern dominierten energietechnischen Bereich aktiv mitgestalten wollten“, sagt Stefanie Usbeck. Zudem wollten sie „Strukturen schaffen, wo alle mitreden können. Bei Windfang kann jede Fragen stellen, ohne dass sie Angst vor Zurückweisung haben muss. Außerdem zählt jede Stimme gleich viel - unabhängig vom Kapitaleinsatz.“

Von der Kassiererin bis zur Ingenieurin und Dramaturgin – viele Berufszweige sind bei Windfang vertreten, die Altersstruktur ist sehr gemischt. „Nach der Fukushima-Tragödie merken wir, dass sich immer mehr jüngere Frauen mit dem Thema Energie beschäftigen.“

Für Stefanie Usbeck ist die Genossenschaft die demokratischste aller Gesellschaftsformen. „Wir haben uns daran erinnert, dass die Energieversorgung vor der Zentralisierung während des 3. Reichs in der Hand von ungefähr 800 Energiegenossenschaften war. Wir wollten nie wieder Krieg um Öl und Energie, wir wollten nie wieder Spaltung in Ost und West, wir wollten global denken und lokal handeln“, sagt die Vorstandsfrau.

Der Blick auf tiefe Zusammenhänge interessiere sie, sagt Stefanie Usbeck. Das politische Engagement ist ein roter Faden im Leben der heute 51jährigen. „Ich bin direkt, manchmal polarisierend und parteiisch“, beschreibt sie sich selbst.

Aktuell engagiert sie sich gegen das Ausschreibungsdesign für Wind an Land, das die Bundesregierung vorbereitet, „eine Katastrophe für alle Windparks aus den 90er Jahren.“ Für viele Bürgerwindparks aus dieser Zeit stehe in den nächsten Jahren das Repowering an. Doch das Ersetzen der alten Anlagen durch moderne und leistungsfähigere ist gefährdet, wenn 2017 die Ausschreibungen für Wind an Land wie derzeit geplant kommen. „Wie bitte sollen wir repowern, wenn für die Standorte RWE, Vattenfall, E.ON oder EnBW die Ausschreibung gewonnen hat?“, fragt Stefanie Usbeck.

„Wir erleben derzeit einen unvorstellbaren Backslash gegen die Bürgerenergie – hin zur Förderung der Großkonzerne“, schimpft die engagierte Windfängerin. Seit Herbst 2014 ist sie Aufsichtsrätin des Bündnis Bürgerenergie. „Das Bündnis ist für mich der Ort der Basis der Energiewende. Hier treffen sich die Menschen, die dasselbe antreibt.“

Es waren die Bürgerinnen und Bürger, die nach dem Super-GAU in Tschernobyl anfingen, die Energieversorgung wieder in die eigenen Hände zu nehmen“, so Stefanie Usbeck. Sehr viele Projekte seien aus bürgerlichem Engagement geboren. „Viele Jahre hat man uns nicht ernst genommen. Das war gleichzeitig die einzigartige Chance für die Erfolgsgeschichte der Erneuerbaren Energien in Bürgerhand.“  Dass diese Erfolgsgeschichte weiter geht, dafür setzt sie sich ein. „Der Besitz an der eigenen Energieversorgung sollte zur Autonomie und Altersvorsorge ebenso selbstverständlich werden wie eine Eigentumswohnung.“


Profil

Stefanie Usbeck
Oldenburg, Niedersachsen
Elektrotechnikerin

Andreas Gißler
  • Andreas Gißler

"Dann haben wir einfach losgelegt"

Angefangen hat alles 2009 in einem Seminar an der Pädagogischen Hochschule (PH) in Heidelberg: Potenziale und Nutzung von Erneuerbaren Energien. „Wir wollten etwas Praktisches machen, was Vorbildfunktion hat“, sagt Andreas Gißler. Er und zwei Kommilitonen hatten die Idee, eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach der PH zu bauen. Das Rektorat überzeugten die Studenten damit, dass die Lehrer von morgen die Technik von heute kennen müssen. „Am Ende des Seminars hatten wir das technische und finanzielle Konzept.“ Im folgenden Jahr baute die Studenteninitiative Unisolar die Anlage und sammelte 100.000 Euro bei Studierenden, Lehrenden sowie Bürgerinnen und Bürger aus Heidelberg und der Region ein. „Danach hatte ich Lunte gerochen.“

Lange Haare, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ein rotblonder Bart und ein gewinnendes Lachen. Andreas Gißler, 1986 geboren, „im Jahr von Tschernobyl“, lacht viel, wenn er erzählt. Etwas Leichtes schwingt mit – und Spaß. „Das Spielerische, gestalterische ist mir wichtig. Viele Leute nehmen viele Dinge viel zu ernst. Ich finde die Energiewende auch eine ernste Sache, doch man braucht deshalb nicht den Spaß dabei verlieren.“

Andreas Gißler fand andere Studenten, die das Ziel „100 Prozent erneuerbar“ teilten. „Irgendwann gab es eine explosive Mischung von Leuten, die weitermachen wollten.“ Weitermachen hieß: Eine Genossenschaft gründen. Die Gruppe entwarf einen Businessplan, suchte nach Dächern, suchte potenzielle Aufsichtsräte, verteilte Flyer...

„Ich bin der Antreiber“ sagt Andreas Gißler und lacht wieder. So war es auch bei der Gründung der HEG. Wochenlang habe man sich im Kreis gedreht. Keine Dächer ohne Genossenschaft und ohne Dächer keine Genossenschaft. „Lass uns einfach loslegen“, hat er irgendwann gesagt. Im September 2010 gründeten sie dann mit 17 Personen die Heidelberger Energiegenossenschaft (HEG). Zehn bis zwanzig Stunden die Woche steckten die Aktiven in die Genossenschaft – „nebenbei haben wir noch studiert“.

Hauptsächlich braucht es Zeit und Raum, meint Andreas Gißler. Und den Willen auszuprobieren, dranzubleiben, immer wieder zu fragen: Wie können wir die Probleme lösen? Mit dem EEG 2012 musste man zehn Prozent des Stroms selbst vermarkten. „Wir hatten dann die Idee, Solarstrom direkt vor Ort an die Mieter zu verkaufen.“ Sie recherchierten, telefonierten, verhandelten mit dem Netzbetreiber – „irgendwann wussten wir, wie es geht.“ Auf sieben Mehrfamilienhäusern einer Wohnungsgenossenschaft realisierte die HEG Solaranlagen und verkauft den dort produzierten Strom an die Bewohner. Für das Mieterstrom-Modell bekam die Energiegenossenschaft 2014 den deutschen Solarpreis.

„Wir arbeiten gleichberechtigt untereinander. Alles Wissen wird mit allen geteilt“, erzählt Andreas Gißler. Hat jemand gute Ideen, werden die meist umgesetzt. So wie die Bürgerwerke. Den Mietern Strom vom Dach zu liefern, war das eine. Doch irgendwie muss man es schaffen, Strom über das Netz zu liefern. „Wir haben uns Dienstleister angeschaut, haben berechnet, wieviel Kunden man braucht, um wirtschaftlich Strom zu verkaufen.“ Schnell war klar, unter 4000 Endkunden brauche man nicht anzufangen. „Dann müssen wir uns mit vielen Genossenschaften zusammenschließen und gemeinsam den Strom verkaufen“, war die Idee. Wenn zwanzig Genossenschaft mitmachen und jede 200 Endkunden hat, wäre man im grünen Bereich. „Und jede Genossenschaft hat noch zusätzliche Einnahmen“, sagt Andreas Gißler. „Dann haben wir einfach losgelegt.“

Loslegen, tun, etwas bewegen. Bei allen Themen sei das bei ihm so. Nachhaltig leben ist so was wie der rote Faden dabei: Strom vermeiden, nachhaltig Geld anlegen, mit dem Fahrrad, den Öffentlichen oder dem Stadtmobil unterwegs sein. Er macht bei der Solidarischen Landwirtschaft mit und sorgt mit dafür, „dass ein Betrieb in der Region schon am 1. November weiß, wie er das nächste Jahr die Lebensmittel bezahlt.“ Dafür bekommt er einen Anteil an der Ernte.

Beim Wohnen ist es "Gemeinsam Wohnen e.V.", ein gemeinschaftliches und selbstverwaltetes Wohnprojekt, das er mit initiiert hat. Wenn alles klappt, kauft die Gruppe von etwa 35 Menschen unterschiedlichen Alters 2015 ein Haus in Heidelberg. Es soll Räume für Veranstaltungen geben, Freiflächen für landwirtschaftlichen Anbau … „Natürlich kommt eine Photovoltaik-Anlage der Genossenschaft auf das Dach und wir beziehen den Strom von den Bürgerwerken.“

Bis Ende Juli 2105 macht Andreas Gißler sein Referendariat. Wie es weitergeht – als Lehrer oder im Bereich Erneuerbare Energien, weiß er noch nicht. „Ganz ohne Erneuerbare geht es nicht. Dazu habe ich zu viel Freiheit im Arbeiten geschnuppert.“

Was ihn reizt? Weitere 20 Häuser übernehmen, in denen die Mieter bestimmen, was darin passiert. Windräder projektieren oder ein ganzes Stadtgebiet mit Solar ausstatten. Und natürlich den eigenen Strom an eigene Endkunden verkaufen. „Spätestens 2031“.

Profil

Andreas Gißler
Heidelberg, Baden-Württemberg
Realschullehrer

Stephan Franz
  • Stephan Franz

"Gemeinschaftssinn trifft Umbau des Energiesystems"

Bürgerenergie bedeutet für den Berliner Stephan Franz ganz eindeutig die Vergemeinschaftlichung der Energieversorgung. Der Energieexperte sieht darüber hinaus noch einen großen Vorteil in der lokalen Verankerung der Energieversorgung: Sie trägt zur Stabilisierung vor allem jenseits des politischen Großwetterlage bei.

Profil

Stephan Franz
Berlin
Berater und Energiemarktsexperte

Susanne Stangl

„Man muss sich selbst reinknien“

Wie ist Landschaft Heimat für den Menschen? Diese Frage treibt Susanne Stangl schon lange um. In ihrer Profession als Diplom-Geografin – Schwerpunkt Landschaftsentwicklung – seit 1989 beim Bund Naturschutz in Bayern, als 1. Vorsitzende eines Kultur- und Landschaftsführervereins und ihrer aktuellen Tätigkeit, dem Projekt „W³ – Regionale Energieflächenpolitik.“

„Menschen kritisieren an der Energiewende, dass sich die Landschaft ändert, etwa durch Windräder“, sagt Susanne Stangl. „Landschaft ist immer etwas, was sich entwickelt.“ Aktuell auch durch die Klimaänderung. Klimaschutz, das ein zweites großes Thema für Susanne Stangl. „Wir werden die Natur nicht langfristig stören. Doch wir können unsere eigene Umwelt so stark schädigen, dass wir darin nicht mehr leben können.“

Um Landschaft, den ländlichen Raum, geht es auch in dem Forschungsprojekt W3 – Regionale Energieflächenpolitik“ W³ steht für Wachstum Widerstand Wohlstand. Zuerst ist großes Wachstumspotenzial, dann stößt man auf Widerstand der Bevölkerung, oder es braucht eine Struktur. Aus dieser Struktur soll vor allem Wohlstand entstehen für die Region. Praktisch geht es um ein geografisches Informationssystem als Tool, mit dem sich die geeigneten Flächen für die geeigneten Energieprojekte finden lassen. Das heißt Projektierer, Bürger und Flächen schneller zusammenzubringen – und die Bürger mehr zu beteiligen.

Deshalb hat Susanne Stangl mit Gleichgesinnten im April 2015 eine Genossenschaft im Landkreis Tirschenreuth mit seinen knapp 75.000 Einwohnern gegründet. Der Schwerpunkt soll auf der Energieeffizienz liegen. „Wir haben Interviews mit Akteuren gemacht und immer wieder gehört: Wieso wird immer mehr Erneuerbare Energie erzeugt? Um Energieeffizienz wird sich nicht ausreichend gekümmert.“

Im Landkreis seien viele Gebäude von der Technik veraltet, da ließe sich viel heiztechnisch machen. Es lohne sich auch, mit Beleuchtung anfangen, bei Parkplätzen, im Straßenraum oder in den Gebäuden selber. „Da können wir ansetzen“, ist Susanne Stangl überzeugt. Kommunen seien oft finanziell knapp. Viele Dinge werden nicht umgesetzt, weil die Mittel anderweitig gebraucht werden. Die Anlagen betreiben, bis sie bezahlt sind, dann gehen sie in die Hände der Einrichtungen über, das ist die Idee.

Mit dem Thema Genossenschaften ist Susanne Stangl schon länger verbandelt. Sie hat eine viermonatige Weiterbildung Projektentwicklerinnen für Energiegenossenschaften absolviert. Als sich die „Bürger Energie Region Regensburg eG“ gegründet hat, hat sie sich mit einem Kollegen des BUND von Anfang an eingebracht. „Wir wollten, dass die Bürger mitentscheiden können. Das steht nun in der Satzung.“ Die Genossenschaft hat einige Projekte in drei Jahren realisiert und im Herbst 2014 ein innovatives Mieterstrom-Projekt umgesetzt mit der Baugenossenschaft NaBau. Eine PV-Anlage auf dem Dach eines Mehr-Generationen-Wohnprojekts mit Direktlieferung des Stroms.

Das Thema Energie steckt in mir, lacht die Diplom-Geografin. Was sie dafür sensibilisiert hat? „Tschernobyl war sicher das Erste“ Das sei noch sehr bewusst. Der Super-GAU, die radioaktive Wolke und dann der große Regen. „Das komische Gefühl, jetzt ist es in Bayern angekommen. Ab da war immer die Frage: Essen wir das Gemüse? Trinken wir die Milch?“ Susanne Stangl überlegte eine Diplomarbeit darüber zu schreiben, wie radioaktives Kadmium sich in Pflanzen und dem Boden einlagert.

Ein Schlüsselerlebnis war auch Rio 1992, die Weltklimakonferenz. „Da haben wir geglaubt, jetzt geht es voran.“ Man muss sich selbst reinknien“, sagt sie heute. „Wir in den Industrieländern müssen unseren Energieverbrauch reduzieren“. Deshalb sei es auch so wichtig, das Energiesystem zu transformieren, weg von den zentralistischen Strukturen. „Wenn Bürger mitreden, werden weniger großtechnische Anlagen umgesetzt wie Atomkraft, die nur einzelnen etwas bringen“, ist Susanne Stangl überzeugt. Dezentral, erneuerbar und in Bürgerhand wird für die Zukunft besser sein. Dafür müsse man Flagge zeigen, als Person, als Genossenschaft – und auch im Bündnis Bürgerenergie.

„Man kann mich nicht leicht von etwas abbringen, von dem ich überzeugt bin.“, beschreibst Susanne Stangl ihre Stärken. Stetig dranbleiben an Sachen, vermitteln und Ausgleich suchen, andere mit einbinden – und den Weg weitergehen, auch bei Kritik. „Es wird immer Kritik geben“.

In Sinzing bei Regensburg, wo sie wohnt, will Susanne Stangl ein genossenschaftliches Wohnbauprojekt anstoßen. Sie hat mit einer Wohnbaugenossenschaft gesprochen, damit diese sich für ein Grundstück in einem Neubaugebiet bewirbt. Dort sei Mehrparteienwohnen vorgesehen. In Sinzing gebe es wenig Wohnraum für junge und ältere Leute oder junge Familien, die kein Haus bauen können. „Das wäre mein nächstes Projekt, natürlich nachhaltig und mit erneuerbaren Energien.“ Und vielleicht will sie selbst mit ihrem Mann dort hinziehen.

Profil

Susanne Stangl
Tirschenreuth, Bayern
Geografin

Jörn Burger
  • Jörn Burger

"Auf die Konzerne ist kein Verlass"

Wenn es um die Energiewende geht, ist sich Jörn Burger sicher: Die Bürger sind seit jeher der tragende Pfeiler dieses Großprojekts. Damit das auch so bleibt, braucht es Mut, Einmischung und Vernetzung.

Profil

Jörn Burger
Frankfurt/Main, Hessen
Pressesprecher

Katharina Habersbrunner

Nachhaltiges Wirtschaften ist ein Herzensanliegen von mir

Sie ist schon lange aktiv in Sachen Erneuerbare Energien. Katharina Habersbrunner hat sich im Bund Naturschutz in Bayern engagiert, bei einer Agenda 21 Gruppe mitgearbeitet und Bürgersolaranlagen im Münchner Raum mitinitiiert. „Pro Anlage eine neue Gesellschaft zu gründen war nicht effizient“, sagt sie. Als das Thema Energiegenossenschaften aktuell wurde, „haben wir uns ein Herz gefasst und 2011 unsere Energiegenossenschaft gegründet, die Bürgerenergiegenossenschaft BENG eG.“ Die BENG realisierte gleich eine 1,1 MW-Anlage in Aschheim, „als Newcomer“, betont Katharina Habersbrunner. „Die Gemeinde, die ausgeschrieben hat, fand unser Konzept überzeugend.“ Die breite Bürgerbeteiligung, dass man „mit dem Kirchturmprinzip“ in der Gemeinde anfängt, das Kapital einzusammeln, dass die Anlage den Bürgern gemeinsam gehört – und mittelfristig die Aussicht besteht, Strom zu beziehen. Schon im ersten vollen Geschäftsjahr hat die BENG mit der Freiflächenanlage Gewinne gemacht.

„Ich bin die Strukturiererin“, sagt die 51jährige gelernte Finanzmathematikerin. Diejenige, die Ideen auf das Papier bringt, sie durchdenkt, Möglichkeiten prüft, nach Partnern sucht. Gewissenhaft sei sie. Etwa wenn sie über neue Geschäftsmodelle spricht. „Nach dem EEG 2014 sammeln wir uns gerade als BENG . Welche Möglichkeiten haben wir?“ Mit Photovoltaik kenne sich die Genossenschaft gut aus. Eine Idee ist das Mietermodell, da hat sie Kontakte zu Wohnungsbaugenossenschaften geknüpft. „Außerdem haben wir Betreiber von Seniorenwohnheime im Blick – da denken wir an die einfache Direktvermarktung.“

Ein nachhaltigeres Leben für alle

Menschen für Erneuerbare Energie sensibilisieren. Das macht Katharina Habersbrunner seit 2012 auch beruflich. Sie arbeitet für die Umwelt und Entwicklungsorganisation WECF: Women in Europe for Common future, auf deutsch Frauen für ein Europa mit Zukunft. „Es geht um Women empowerment. Wir zeigen Möglichkeiten auf, wie Männer und Frauen sich politisch und zivilgesellschaftlich engagieren können." Ziel ist, Projekte zu fördern und zu implementieren für ein nachhaltigeres Leben für alle – und dabei die Interessen und die Meinungen der Frauen berücksichtigen. „Durch die konkrete Projektarbeit können wir auf politischer Ebene Empfehlungen in die Verhandlungsprozesse einbringen. Wirvermitteln den Politiker(innen) vor allem die Perspektive von Frauen und setzen uns für Geschlechtergerechtigkeit ein.
Katharina Habersbrunner ist mit dem Thema Energie in der Ukraine, in Georgien, Armenien und Moldawien aktiv. „In Georgien bauen wir mit der Bevölkerung vor Ort in ländlichen Gebieten Solarkollektoren. Wir schulen in der Technologie, entwickeln wirtschaftliche Kompetenz, Geschäftsmodelle.“ Für 2015 plant sie, mit Partnern in Georgien eine Energiegenossenschaft zu gründen. Die Energiepreise sind sehr hoch. Wärme ist auf dem Land ein großer Kostenfaktor. „Warmes Wasser ist ein Frauenthema, Frauen sind da betroffener, motivierter. Sie sehen, dass sie dann kein Holz mehr holen müssen. Frauen denken sehr nachhaltig, dass man fürsorglich mit sich, mit der Natur umgeht.“

„Nachhaltiges Wirtschaften ist ein Herzensanliegen von mir“, sagt Katharina Habersbrunner. Als studierte Finanzmathematikerin hat sie bei einer großen Rückversicherung gearbeitet, mit großem Spaß. Wie lässt sich da Nachhaltigkeit realisieren? Etwa Lebensversicherungen eine bessere Prämie anzubieten, wenn sie in nachhaltige Kapitalanlagen investieren.

Bei Genossenschaften ist Katharina Habersbrunner überzeugt, dass sie ein wirtschaftlich, ökologisch und sozial erfolgreiches Geschäftsmodell ist. Doch auch große Unternehmen könnten nachhaltig wirtschaften. „Man kann zum Beispiel die Gesetze für Aktiengesellschaften ändern, damit Aufsichtsräte dafür verantwortlich sind, dass Unternehmen auch ökologisch und sozial erfolgreich sind.“

Was sie antreibt? „Eine Motivation ist Egoismus. Ich engagiere mich für meine drei Kinder, die sind 16, 14 und 9.“ Sie möchte, dass sie eine Perspektive haben für ein nachhaltiges Leben und nicht nur Szenarien über Klimawandel, Energiekriege usw. mitbekommen. Für viele Dinge brauche man ein Modell. „Mit der BENG möchte ich zeigen: Hier gibt es ein Modell, gut zu wirtschaften und eine Gesellschaft zu führen, die sich nicht auf Kosten der Natur und des Klimas bereichert.“ Das will Katharina Habersbrunner auch ihren Kindern zeigen. Die finden gut, dass ihre Mutter sich für die Erneuerbaren einsetzt und verstehen dann auch, dass sie öfters unterwegs ist.

Es habe sich schon jetzt gelohnt, das Engagement. „Die Bürgerbeteiligung ist ein Erfolgsfaktor der Energiewende in Deutschland. Die Bürgerinnen und Bürger haben hier sehr viel bewegt.“ Doch ist noch viel zu tun. Für viele Menschen sei die Energieversorgung noch eine Black Box. Wichtig sei, dass mehr Wissen vorhanden ist und auch geteilt wird. „Dann können wir die Energiewende weiter voranbringe.“ Dazu gehört für Katharina Habersbrunner auch, die Kräfte zu bündeln. Seit 2014 ist sie im erweiterten Vorstand der Bürgerenergie Bayern. „Es gilt, die gemeinsamen Ziele klar darzustellen, professionell aufzutreten und Lobbyarbeit zu leisten.“

Profil

Katharina Habersbrunner
München, Bayern
Mathematikerin

Peter Wortmann
  • Peter Wortmann

"Bürger agieren beherzter als die großen Energieversorger"

Bürgerbeteiligung ist für Peter Wortmann mehr als finanzielle Beteiligung. Es geht um Teilhabe und die Demokratisierung der Gesellschaft. Bürger, die in den Bau von Energieanlagen eingebunden sind, zeigen mehr Akzeptanz für die Energiewende. Es braucht für dieses bürgerliche Engagement aber auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen, sagt der Niedersachse und baut auf die Vernetzung vieler Akteure in ganz Deutschland.

Profil

Peter Wortmann
Oldendorf, Niedersachsen
Lehrer

Beate Fischer
  • Beate Fischer

"Lokales Engagement stärkt Nachhaltigkeit"

Für Beate Fischer stellt die Bürgerenergie die Energiewirtschaft auf den Kopf: Weg von anonymen und intransparenten Konzernstrukturen, hin zu lokalen Persönlichkeiten und eigenverantwortlichem Engagement. Bürgerenergie bedeutet außerdem eine genügsame Nutzung der Ressourcen, die uns unsere Umwelt zur Verfügung stellt und verantwortungsvolles Handeln für zukünftige Generationen.

Profil

Beate Fischer
Kassel, Hessen
Wissenschaftliche Mitarbeiterin